Benjamin Stein
Benjamin Stein fotografiert von » Oliver Maier

27.4.2010, 20.00 Uhr, °Clair, Franz-Joseph-Str. 10, 80801 München

Inspiriert durch unsere Ausstellung mit Fotografien von Patrick Zachmann möchte Benjamin Stein, Autor des kürzlich erschienenen Romans „Die Leinwand“ (finden Sie hierzu einen Artikel von Ijoma Mangold in der » ZEIT Nr. 15 vom 8.5.10, Seite 47 oder besuchen Sie die Internetseite zum Buch von Benjamin Stein unter » http://turmsegler.net/die-leinwand/) mit Ihnen ins Gespräch kommen. Vorweg zeigen wir den halbstündigen Film „La memoire de mon père“ von Patrick Zachmann, der auch schon anlässlich der Vernissage am 23.3.2010 bei uns zu sehen war.

Ablauf:
20.00 Uhr: Filmvorführung
20.30 Uhr: Moderation von Anna Patricia Kahn
20.45 Uhr: Benjamin Stein gibt eine Leseprobe aus "Die Leinwand". Anschließend nehmen wir uns die Zeit für ein Gespräch.
All diejenigen, die den Film schon gehen haben und nicht noch einmal sehen möchten, sind eingeladen, sich der Veranstaltung ab 20.30 Uhr anzuschließen.
 
Patrick Zachmanns fotografisches und filmisches Werk besteht aus facettenreichen Variationen des Themas »Identität und Identitätssuche«. Bereits mit seinem ersten veröffentlichten Fotoband »Enquête d'Identité ou Un Juif à la recherche de sa mémoire«  (Identitätsfindung oder ein Jude auf der Suche nach seiner Geschichte) verknüpft Zachmann die Suche mit dem Erzählen: Er streift durch Paris und zeigt in intensiven, persönlichen Porträts das Spektrum jüdisches Lebens heute – vom säkularen bis zum strenggläubigen Rand. Wo, so scheinen die Bilder zu fragen, ist mein Platz? Der Fotograf weiß es nicht, denn was ihm fehlt, ist die Erinnerung der vorangegangenen Generationen. Der erzählte Strom der Geschichte(n) ist unterbrochen und damit die Verbindung zu den eigenen Wurzeln gekappt.
Bei der ersten Begegnung mit Zachmanns Werk entdeckte der Münchner Autor Benjamin Stein eine Fülle thematischer und motivischer Parallelen zu seiner eigenen, literarischen Auseinandersetzung mit dem Thema Identitätsunsicherheit und –suche, verarbeitet u.a. in seinem soeben bei C.H.Beck erschienenen Roman »Die Leinwand«. Spontan entstand die Idee eines künstlerischen Dialogs zwischen Fotograf und Autor. Ist das Abgeschnittensein von den Wurzeln der eigenen Herkunft und die damit einhergehende Identitätskrise womöglich ein spezifisch jüdisches Thema? Und welche Rolle spielt »erzählte Herkunft« für unser Selbstbild. Diesen und anderen Fragen soll anlässlich der Finissage der Patrick-Zachmann-Ausstellung in der Galerie °CLAIR nachgegangen werden.
Mehrere Protagonisten der »Leinwand« sind Wurzellose. Nicht alle sind jüdisch. Was sie gemeinsam haben, ist das Fehlen einer Familien-, einer Herkunftsnarration. Aus verschiedenen Gründen haben die Eltern dieser Protagonisten ihren Kindern nicht erzählt, woher sie kommen und wohin sie also gehören könnten. Da ist zum einen das adoptierte Kind, das seine Erinnerungen vergessen und dessen Herkunft verschleiert werden sollte, um die Integration in die neue Familie nicht zu gefährden.  Da ist – wie bei Zachmann – das Kind von Shoah-Überlebenden, die vom überlebten Grauen nicht berichten wollten oder konnten. Und da ist schließlich auch das Kind zweier von der Shoah unberührten Nachgeborenen, die im strengreligiösen Meah Shearim leben und ihre Vergangenheit  vor den Kindern geheim halten – weil sie sich dieser Vergangenheit schämen.
Patrick Zachmann hat die Kamera gewählt und begonnen, in Bildern Geschichten zu erzählen, mit denen sich die narrative Lücke füllen ließe. Erzählen, um sich zu finden. Erzählen, um zu überleben. Das ist auch die Strategie der entwurzelten Figuren in der »Leinwand«, die ihre Geschichten auf die von den Eltern leer gelassene Leinwand ihrer unsicheren Herkunft projizieren – mitunter mit katastrophalen Folgen für die eigene Biographie.
Benjamin Stein wird an diesem Abend  einen Protagonisten (und Erzähler) der »Leinwand« vorstellen. Amnon Zichroni ist jener Junge, der in Meah Shearim aufwächst und mit 15 Jahren nur dank einer besonderen Fähigkeit erfährt, woher er kommt:
»Ich glaubte lange Zeit, ich hätte so etwas wie einen sechsten Sinn. Nicht, dass ich tote Menschen sah oder etwas Vergleichbares, das man für übernatürlich hätte halten können. Es war eher das Gegenteil der Fall. Ich meinte, ein Gespür zu haben für das wirklich Vitale in Menschen, ein Gespür dafür, was sie antrieb oder hinderte, etwas zu tun, für jenen Kern in ihnen, den sie selbst in einem offenen Moment vielleicht als ihr Ich bezeichnet hätten. […] Ich roch, schmeckte, fühlte, hörte uns sah Erinnerungen anderer Menschen …«
Patrick Zachmann, der wegen einer China-Reise nicht anwesend sein kann, lässt sich durch seinen Film „La memoire de mon père“ vertreten..
Wir freuen uns auf Sie und wären Ihnen für Anmeldung unter info@clair.me dankbar. Oder kündigen Sie sich telefonisch an unter 089.38667446 (das Telefon ist Mo.-Fr zwischen 14.00 und 19.00 Uhr besetzt).


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