Bénédicte Plumey
Eine sanfte raffinierte Eleganz ©AZART

Die Stiftung Dosne-Thiers hat die Malerin Bénédicte Plumey eingeladen, ihre Arbeiten in den Räumlichkeiten ihres herrschaftlichen Stadthauses am Place Saint-Georges in Paris auszustellen. Für uns bot sich daher die Gelegenheit, eine noch unbekannte Künstlerin zu entdecken … Wir haben schnell ihre leichtbeschwingten Ölgemälde von sanfter raffinierter Eleganz lieben gelernt, die sich mit dem poetischen Thema des Emporfliegens beschäftigen. Bericht einer Begegnung. Von Gérard Gamand

Das Viertel der „Neuen Athener“ (le quartier de la „Nouvelle Athènes“) im 9. Pariser Bezirk wurde 1824 durch einen Zusammenschluss zahlreicher Künstler der Romantik gegründet: Alexandre Dumas, Victor Hugo, Alfred de Musset, Ingres, Chopin … Sie wollten den grundlegenden Einfluss alles Griechischen auf die Kultur des Abendlandes im ersten Viertel des 19.Jahrhunderts herausstellen, das so voller Versprechungen war. Gerade dort, am Place Saint-Georges, im Herzen des Viertels, baute Adolphe Thiers ein herrschaftliches Stadthaus. Heutzutage beherbergt es die Stiftung Dosne-Thiers, die dem Institut de France untersteht. Hier trafen wir uns mit Bénédicte. Wir wollten uns eigentlich in Beaumes-de-Venise treffen, wo sich ihr Atelier am Fuße der Dentelles de Montmirail in der Nähe des Mont Ventoux befindet. Die Ausstellungstermine ließen dies jedoch nicht zu.
Zum ersten Stock führt eine monumentale Treppe, die mit einem dicken grauen Teppich ausgelegt ist. Die Stimmung ist natürlich gedämpft. Unsere Schritte hallen von den großzügigen parkettierten Räumen wieder und wispern die Namen vergangener großartiger Künstler. Bénédicte Plumey empfängt uns mit einem strahlenden Lächeln und wir machen einen ersten Rundgang durch die Ausstellung. Wir haben diese ersten Augenblicke des Kontakts mit einem unbekannten Maler schon immer sehr genossen. Es entsteht immer eine emotionale Situation, die uns verzaubert und die wir zu beschreiben versuchen. „Ich liebe die Verbundenheit zu Leinwänden“, teilt sie uns ohne Umschweife mit. „Selbstverständlich spanne ich meine Leinwände selber, da ich eine wahre Leidenschaft für nach Fadenlauf gespannte Leinwände habe, und dann ist es die Art des Abmessens der Oberfläche, einer fast sinnlichen Art. Meine Arbeit beginnt im Grunde an diesem Punkt. Ich befinde mich praktisch in meinem Garten.“ Die Künstlerin ist wortgewandt, begeistert und begeisternd. Ihr Kurs ist ein Beispiel ihrer Entschlossenheit. Sie unterhält seit jeher eine körperliche Beziehung zur Natur.

Ein einfacher Wassertropfen entzückt uns

Soweit sie sich erinnert, hat sie ihre Zuflucht stets zwischen den Zweigen der Bäume gesucht. Sie erzählt uns von „ihrer“ Kastanie, in die sie soweit wie möglich nach oben geklettert ist, um ihren sechs Geschwistern zu entkommen. Ihre Liebe zu Vögeln und insbesondere zu Tauben stammt aus dieser Kindheitsphase der Unsicherheit. „Ich wohnte in Elbeuf, zu dieser Zeit eine Stadt der Textilindustrie. Nach der deutschen Besatzung hat sich die Tuchindustrie nie wieder richtig erholt, und in den fünfziger Jahren sind die meisten Firmen Bankrott gegangen. Für mich war dies ein Glücksfall. Die Abfalleimer enthielten Schätze an Stoffen und Stoffballen. Auf diese Weise entstanden meine Schmuckkästchen … Aus dieser Zeit stammt meine körperliche Liebe zur Sanftheit, zu Geweben und Federn.“ Bei einer Reise durch Spanien im Alter von zehn Jahren traf sie das Licht in Kastilien wie ein Schock. Sie stieß auf Gemälde von Vélasquez, Greco, die Stierkämpfe …, sie begeisterte sich für diese schwarzen Hintergründe und diese zierlichen Rosen. Es war schwer, zur Realität zurückzukehren! Vom Familienoberhaupt zur Aufnahme ernsthafter Studien gezwungen, besuchte Bénédicte eine Dolmetscherschule … sie war dort erfolgreich, schloss diese jedoch nie mit einem Diplom ab. „Von heute auf morgen habe ich das Diplom aufgegeben und bin habe buchstäblich von einem Ufer zum anderen übergewechselt.“ Sie trifft Louis Faye, der ihr Ehemann wird. Er ist Maler und entstammt ebenfalls zerrütteten Familienverhältnissen. Die „Liebenden aus Peynet“ lassen sich in einem kleinen Fischerort nieder und leben von Luft und Liebe. Sie sind zwanzig Jahre alt und malen, um zu essen, ein Aquarell für einen Fisch! Sie erleben eine Entzückung nach der anderen. Für ihn ist es das Wasser, für sie sind es die Felsen der Küste. „Ein einfacher Wassertropfen entzückt uns…“ Bénédicte schloss unverhoffte Bekanntschaften, unter anderem mit dem Violinisten Jean-Jacques Kantorow. Die Türen öffnen sich, die Träume überschlagen sich, die Jahre der Jugend. Eines Tages mussten sie aufbrechen, um andere Dinge zu sehen. Sie besorgen sich eine … Eselin (ja, eine Eselin!) und durchqueren die Ardennen, durch Schnee und Wind. Sie schlafen unter freiem Himmel. Der Hunger quält sie, im Austausch gegen Aquarelle erhalten sie leckere Mahlzeiten. Aber nach und nach überkommt sie Verdrossenheit. Bénédicte entscheidet sich dazu, nach Süden zu gehen, um dieses Licht zu sehen, von dem sie immer träumt. Sie wohnt in Vaison la Romaine und entdeckt die außergewöhnliche Schönheit der Abtei von Sénanque. „Ich habe festgestellt, dass ich dort leben möchte. Ich habe das kleine Dorf Suzette entdeckt, von dem man den Hang des Mont Ventoux bis nach Pétrarque und ferner die Dentelles de Montmirail sieht. Das ist mein Schlaraffenland.“

Langsamer und heiliger Satz

Wie ein Schlag traf sie das blendende Licht des Südens! „Es ist, als wenn man sich neu verliebt hätte!“ gerät Bénédicte ins Schwärmen. Seit mehr als 20 Jahren schon wird sie dieses außergewöhnlichen Anblicks nicht überdrüssig. Die Begegnungen, die Poesie, die Musik, die Reisen (die Entdeckung des Lebenswerks von Caravaggio …) bestimmen nunmehr den Lebensrhythmus der Malerin. „Die Ungewissheit, die Schnelligkeit, die Fröhlichkeit der Farben. Der Maler wählt seine Töne, für ihn ist es eine Frage der „Zartheit“. Die Masche, die er fallen lassen muss, um das Gesamtbild erfassen zu können. Mit einer Lichtung im Blick gelangt man zu den Tatsachen“, schreibt Anne de Staël. Bénédicte Plumey erforscht dieses Licht, um es zu verstehen. Sie hat es solange untersucht, bis sie davon eine Netzhautablösung bekam! „Jeden Tag betrachtete ich den Wasserfall von Saint Christophe, wo der Regenbogen auf die Steine trifft, mit einer solchen Intensität, dass meine Augen gelitten haben. Es ist so, als ob ich zu lange in die Sonne gesehen hätte.“ Sie muss ihre Malerei unterbrechen …, um besser zurückzufinden, greift sie auf Arbeiten in schwarz und weiß zurück. Sie erwirbt eine Presse und nimmt ihre Forschungsstudien wieder auf. Nichts hält sie auf. „Es verging nicht ein Tag, an dem mich die Natur nicht in Erstaunen versetzt hätte. Jeden Tag blüht alles wieder auf. Meine Tauben fliegen mit einer besonderen Lieblichkeit empor, aber das wirklich Unglaubliche ist die Beständigkeit des Lichts des Südens. Man gelangt von der Dunkelheit ins Licht. Das ist immer das Endziel meiner malerischen Forschung: Wie soll ich diesen Übergang rüberbringen? Wie soll ich dieses zerbrechliche Gefühl an der Grenze zwischen Helligkeit und Dunkelheit, zwischen Stillstand und Bewegung herausstellen? Ich weiß, dass ich einen unerreichbaren Traum verfolge, denn ich sehe, dass er niemals wahr werden wird.“ Durch die Eindrücke einer unendlichen Zartheit verkommen ihre Gemälde niemals zu Fadheit. Das ist wahre Zierlichkeit, eine Tugend, die in unserer heutigen Zeit Mangelware ist! Während des Besuchs ihrer Ausstellung erleben Betrachter dies genau so. Vom Quartett Ysaÿe wurde sie gebeten, den dritten Satz „Wiedererkennung der Göttlichkeit“ aus dem Werk 132 von Beethoven zu interpretieren. Dieser langsame und heilige Satz verdeutlicht auf wunderbare Weise die feinsinnige Arbeit von Bénédicte Plumey. Dies ist nicht nur als simples Kompliment gemeint!

Dieser Artikel erschien im französischen Original in der Ausgabe Nr. 37 des Kunstmagazins AZART©. Er wurde von °CLAIR übersetzt, ohne daß dabei redaktionelle Eingriffe vorgenommen wurden.

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