
Ein Gespräch mit Francisco Mejía-Guinand
Von der Architektur zur Malerei
Frage: Francisco Mejía-Guinand, Sie sind Künstler und Architekt, lehrten Architektur und Kunstgeschichte in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota. Sie haben sich nun der Malerei gänzlich zugewandt. Warum?
M-G: Nachdem ich das Studium der Architektur abgeschlossen hatte, arbeitete ich zwei Jahre als Architekt. Was mich am meisten an der Architektur interessierte - und auch immer noch -, ist die Einbeziehung in einen kreativen Prozess, der dem Schaffensprozess aus der Welt der Malerei sehr ähnelt. Architektur ist für mich eine Kunstform, deren Umsetzung bei der Tätigkeit, die ich auszuüben hatte, nicht sehr klar war, und so begann ich mich in Richtung Malerei zu entwickeln. Ich habe viele Projekte durchgeführt, bei denen ich versuchte, Kunst und Architektur an öffentlichen Orten und Gebäuden zusammenzubringen. Dem Dialog zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten messe ich sehr viel Bedeutung bei.
Von der Suche nach Gleichgewicht
Frage: Gibt es also einen idealen Raum für Kunst?
M-G: Es geht mir darum, die Architektur und die Stadt mit dem persönlichen, privaten Raum in Einklang zu bringen. Ich sehne mich nach einem Werk, das die beiden Welten, das Öffentliche und das Private verbindet. Bei meiner künstlerischen Tätigkeit ist die Ausbildung als Architekt stets präsent, - auch im schöpferischen Prozess meines malerischen Werks. In der Malerei suche ich immer nach einer Ordnung, nach einem Gleichgewicht. Es ist eine konzeptuelle Suche, die der in der Architektur und dem Städtebau ähnlich ist: Die Suche des Menschen nach Harmonie, nach einem harmonischen Gleichgewicht seiner Sinne.
Frage: Sie sprachen von der Suche nach einer Ordnung der inneren Welt...
M-G: Ja, diese Beziehung, das Gleichgewicht zwischen unserer Umwelt und der inneren Welt ist das, was wir letztlich Harmonie nennen. In der Musik wird es ganz klar und tritt in ihr deutlich zu Tage. Wenn etwas harmonisch ist, dann besteht ein perfektes Gleichgewicht zwischen dem inneren Gefühl und der Art, in der dieses nach außen getragen wird.
Von der Malerei als Sprache
Frage: In vielen Ihrer Bilder verschwinden Linien und Striche in diffusem Nebel, ein bisschen wie Träume nach verregneten Nächten...
M-G: Für mich ist Malerei wie eine Sprache. Und in dieser Sprache der Malerei existieren ebenso wie in der Welt der Architektur spezielle Codes. Wir Architekten entwerfen eine ideale Welt auf der Grundlage von Linien, von Zeichnungen, die am Ende Realität werden. Ich glaube, diese Linien und Codes sind auch Bestandteil einer Sprache, allerdings einer verschlüsselten Sprache. Diese Sprache, in Gestalt von Linien und Gekritzel, die bisweilen zugleich Anspielungen auf die Schriftsprache zu sein scheint, ist aber nur sehr wenigen zugänglich. Ich versuche die Sinnlichkeit dieser Linien in meiner Malerei zu vermitteln.
Frage: Sie bevorzugen große Formate und malen Sie mit dem ganzen Körper, wie Sie einmal erzählten. Warum?
M-G: Die großformatigen Leinwände verlangen eine Beziehung fast wie beim Tanz. Da ist nicht nur eine Bewegung der Hand, sondern die des gesamten Körpers um die Leinwand herum. Die Bewegung des Körpers über die gesamte Leinwand mit den entsprechenden Hilfsmitteln, erlaubt diese Ausdrucksformen. Die Geschwindigkeit, mit der ich arbeite, erlaubt erst diese Linienführung. Außerdem fühle ich mich sehr viel besser mit großformatigen Bildern.
Von der Tradition
Frage: Für viele Künstler ist die Einbettung in eine Tradition, bis hin zur Ablehnung einer künstlerischen Strömung, ein wichtiges Element in ihrer schöpferischen Entwicklung. Wo sehen Sie sich?
M-G: Meine Malerei und meine konzeptuelle Ausbildung als Künstler und Architekt haben schon ihre Bezüge zur Kunstgeschichte. Die Rezeption von Kunstgeschichte ist mir ein wichtiges Anliegen. Der florentinische Künstler Paolo Uccello (1397-1475 ) wurde mit seiner Arbeit über die Schlacht von San Romano sogar zu einer Art Obsession für mich.
Frage: Sie haben mal gesagt: „Wenn ich male, vergesse ich alles um mich herum.“ Soll das auch heißen, Sie überwinden alles, was Sie gelernt haben? Oder ist die Malerei eine Tätigkeit, die ihren Alltag zurücktreten lässt?
M-G: Es ist beides. Auf der einen Seite ist da ein großer Respekt vor der Tradition. Aber wenn ich beginne zu arbeiten, treten all die erlernten Konzepte und Werte, die Teil meiner Geschichtskenntnis sind, in den Hintergrund. Und auf der Leinwand können dann Elemente erscheinen, die aus meinem Unterbewusstsein hervortreten.
Von der Kunst in der globalisierten Welt
Frage: Die Welt, in der wir heute alle leben, zeichnet sich durch eine unglaubliche Schnelllebigkeit und Flüchtigkeit aus. Welchen Rang nimmt die Kunst für Sie in der heutigen Welt ein?
M-G: Vor 50 Jahren machten sich die großen Weltstädte gegenseitig den Rang als Mekka der Kunst streitig. Heute, so glaube ich, kann man aufgrund der Schnelligkeit der Kommunikation in den virtuellen Welten, nicht mehr von einem einzigen, konkreten Ort als Mekka der Kunst sprechen. Jede Hauptstadt besitzt ein großes kulturelles Erbe, eine Reihe von Werten und Werken, die weitergegeben werden wollen. Es gibt nicht nur eine einzige Tendenz, sondern eine große Vielfalt an Strömungen. Die Kunst bleibt für mich jedoch die wichtigste Manifestation einer Gesellschaft. Es ist eine Eigenheit unserer postindustriellen Gesellschaft, dass diese vielschichtig ist und parallel diverse kulturelle Werte hervorgebracht hat. Ich passe gut in die Gesellschaft und in die Zeit, in der ich lebe. Und ich versuche, einen Beitrag zu diesem historischen Prozess zu leisten. Denn dies ist letztlich der Sinn und Zweck des Künstlers, ein Zeugnis der Zeiten zu geben, die er erlebt.
Frage: Wie sehr sind Sie von Ihrem Umfeld, Ihrer Heimat Kolumbien geprägt?
M-G: Die Herkunft ist für einen Künstler vor einigen Jahrzehnten ein wichtiger Faktor gewesen. Ich denke, dass der Umstand, in einem bestimmten Land geboren zu sein, heute nicht mehr so ausschlaggebend ist, denn wir haben ja heute die Möglichkeit, durch die Welt zu reisen und dabei verschieden Aspekte unterschiedlicher Gesellschaften kennenzulernen. In meinem ganz persönlichen Fall ist es so, dass ich, obwohl ich in Kolumbien geboren bin, also ein kolumbianischer Maler bin, doch viel um die Welt reise. Ich bin offen für neue Ansätze und die neuen Orte, die ich besuche. Ich habe allerdings nie versucht, Themen mit gesellschaftspolitischem oder lokalem Bezug aufzugreifen, die Realität meines Landes in meine Kunst zu lassen. Mein Ansatz ist ein kunstgeschichtlicher, ein kunstimmanenter, es geht mir um rein plastische Aspekte, um ästhetische Dimensionen, in die ich aber keine gesellschaftspolitischen Betrachtungen einbeziehe. Die Geographie hat eher einen Einfluss durch den Klimawechsel, den Wechsel von Farben, die auf mich einwirken. Es geht darum, wo ich male: in Palma, in Griechenland oder in Bogota. Das ändert die Pigmente, die Farben in meinen Bildern ein wenig.
Über Vorbilder und Bildertitel und die Liebe zu Farben
Frage: Warum besitzen eigentlich einige Ihrer Werke keinen Titel?
M-G: Der Titel stellt ja schon einen Bezugspunkt an sich dar, der den Rezipienten sofort in seiner Betrachtung beeinflusst. Ich versuche, dass der Betrachter absolute Freiheit erhält, um für sich das Gefühl des Bildes aufzunehmen, das ich an ihn herantrage.
Frage: Ihr Lieblingsmaler?
M-G: Zweifelsfrei besteht bei mir eine große Affinität zu Picasso, nicht nur zu seinem Werk, sondern auch zu seinem persönlichen Leben. Ich mag die Art, in der Picasso sein Leben und sein Werk aufgefasst hat und wie er es verstanden hat, ein Mensch seiner Zeit zu sein.
Frage: Apropos Picasso. Er soll gesagt haben: „Wenn kein Blau mehr da ist, dann nehme ich eben Rot.“ Würden Sie auch so etwas sagen?
M-G: Das ist immer so bei Picasso. Jedes Thema wird für ihn zum Vorwand, etwas zu erschaffen. Es wurde gesagt, Picasso sei der große Zerstörer der Kunstgeschichte gewesen, denn für seine Sprache gibt es dort keine Parameter. Aber er hat zugleich die Quellen der Kunstgeschichte gesucht und studiert, um überhaupt zu diesem Ansatz gelangen zu können. Das heißt in Bezug auf die Farben: Für ihn ist es egal, ob er weiß oder schwarz nimmt, wenn sich nur ein Vorwand bietet, etwas zu erschaffen.
Ich erzähle Ihnen dazu eine kleine Geschichte: Die Menschen, die normalerweise nicht mit Farben arbeiten, wissen nicht, dass einem die Farben auch ermüden können. Wenn ich viel rot male, dann ermüdet mich das. Weiß wird mir dann fremd und schwarz auch. Deshalb male ich verschiedene Bilder parallel. Ich erhole mich von bestimmten Farben dadurch, dass ich mit anderen arbeite.
Im Moment der Umsetzung als auch im Moment der Besinnung, wenn das Bild fertig ist, dann entsteht irgendwie eine Beziehung zum Betrachter und auch zum physischen Raum, zum physischen Umfeld um dich herum. Die Werke nehmen Raum ein und verändern ihn. Sie erhellen ihn oder absorbieren ihn. Das ist eine sehr beeindruckende Erfahrung. Farbe besitzt die Fähigkeit der räumlichen Veränderung.
Frage: Und Ihre Lieblingsfarbe ist?
M-G: (lacht). Rot. Vielleicht. Vielleicht heute, aber morgen...
Frage: Haben Sie mit der Architektur endgültig abgeschlossen?
M-G: Überhaupt nicht. Die ist immer noch präsent. Ich denke sogar, dass ich am Ende meiner Laufbahn Werke schaffen werde, die Kunst in die Architektur einbeziehen. Ich habe übrigens von einigen Freunden, Architekten, eine Einladung zur Teilnahme an einem Projekt in Bogota erhalten. Dabei ging es gerade um die Beziehung zwischen Gebäude und städtischem Umfeld durch die Kunst.
Interview by ©°C L A I R