Inge Morath, 1923 – 2002

„Die Fotografie ist ein seltsames Phänomen. Es gibt nur dieses eine technische Instrument dafür, die Kamera. Und dennoch kommen keine zwei Fotografen, selbst wenn sie zur selben Zeit am selben Ort gewesen sind, mit demselben Bild zurück. Die persönliche Sicht ist von Anfang an da; das Ergebnis einer ganz speziellen Verbindung von Lebenshintergrund und Gefühlen, Traditionen und Zurückweisung, Sensibilität und Voyeurismus. Man vertraut seinem Auge und entblößt doch zwangsläufig seine Seele. Die eigene Vision findet aus der Notwendigkeit, sich mitzuteilen, die geeignete Form des Ausdrucks.“
Inge Morath, Life as a Photographer, 1999

Ingeborg Mörath wurde im österreichischen Graz als Tochter zweier Wissenschaftler geboren. Die Arbeit ihrer Eltern führte sie an verschiedene Universitäten und Labore in ganz Europa, Tochter Inge wurde an französischen Schulen ausgebildet. In den 1930ern zog die Familie nach Darmstadt, wenig später siedelte sie nach Berlin über.

Ihre erste Begegnung mit avantgardistischer Kunst hatte Inge Morath in der Ausstellung „Entartete Kunst”, die die Nationalsozialisten 1937 inszenierten, um die öffentliche Meinung gegen zeitgenössische Kunst aufzuwiegeln. „Ich fand viele dieser Bilder sehr aufregend und verliebte mich in Franz Marcs ,Blaues Pferd‘“, schrieb Morath später. Doch „da nur negative Kommentare erlaubt waren, begann eine Zeit des Schweigens und der geheimen Gedanken”.

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Morath als Übersetzerin und Journalistin. 1948 stellte Warren Trabant sie bei der Illustrierten „Heute“, die von der amerikanischen Informationsstelle in München herausgegeben wurde, ein. Im Nachkriegs-Wien lernte Morath den Fotografen Ernst Haas kennen und machte Trabant auf dessen Bilder aufmerksam. Fortan arbeitete sie mit Haas für „Heute“: Morath komplementierte Haas‘ Bilder mit ihren Artikeln. 1949 lud Robert Capa Inge Morath und Ernst Haas ein, der neugegründeten Magnum-Agentur in Paris beizutreten, Morath wurde Redakteurin. Sie war fasziniert von den Kontaktabzügen, die das Magnum-Gründungsmitglied Henri Cartier-Bresson per Post einschickte. Später schrieb sie: „Ich glaube, dass ich durch das Studium seiner Arbeit zu fotografieren lernte, lange bevor ich zum ersten Mal eine Kamera in die Hand nahm.“

Von kurzer Dauer war Moraths Ehe mit dem britischen Journalisten Lionel Birch, die sie 1951 nach London führte. Im selben Jahr, während einer Reise nach Venedig, begann sie zu fotografieren. „Mir war sofort klar, dass ich fortan fotografieren würde“, schreibt sie. „Und wie ich so weiter Bilder aufnahm, wurde ich recht glücklich. Ich wusste, dass ich jetzt Dinge ausdrücken würde können, die ich sagen wollte, indem ich ihnen durch meine Augen eine Form gab.“
Morath ließ sich bald von Birch scheiden und kehrte nach Paris zurück, um als Fotografin Karriere zu machen. 1955 wurde sie eingeladen, ein vollwertiges Mitglied von Magnum zu werden. Ende der 1950er reiste sie extensiv; für Titel wie „Holiday“, „Paris Match“ und „Vogue“ fotografierte sie in Europa, dem Nahen Osten, Afrika, den Vereinigten Staaten und Südamerika. Mit Robert Delpire veröffentlichte sie 1955 „Guerre à la Tristesse“ über Spanien, 1958 folgte „De la Perse à l’Iran“ mit Bildern aus dem Iran.

Wie viele Magnum-Fotografen arbeitete Morath auch an zahlreichen Spielfilm-Sets. Nachdem sie in London den Hollywoodregisseur John Huston kennenglernt hatte, fotografierte sie für zahlreiche seiner Filme. 1960 war sie am Set von „The Misfits“ einem Blockbuster mit Marilyn Monroe, Clark Gable und Montgomery Clift in den Hauptrollen. Das Drehbuch hatte Arthur Miller geschrieben, den Morath am Set auch kennenlernte. Nach seiner Scheidung von Marilyn Monroe heirateten die beiden am 17. Februar 1962.

Moraths Leistungen im ersten Jahrzehnt ihrer Karriere als Fotografin sind herausragend. Zusammen mit Eve Arnold war sie eines der ersten weiblichen Mitglieder von Magnum, bis heute ist die Agentur überwiegend mit Männern besetzt. Viele Kritiker haben über den verspielten Surrealismus geschrieben, der Moraths Arbeit in dieser Schaffensphase charakterisiert. Als Motivation ist Moraths fundamentaler Humanismus zu erkennen, der von dem Kriegserlebnis ebenso geformt wurde, wie von dem bedrohlichen Schatten der Nachkriegszeit, der über Europa hing. In ihrem Spätwerk reift diese Motivation zum Motiv: wenn sie etwa dokumentiert, wie der menschliche Geist Extremsituationen und Belastungen übersteht und auch in ihrer Dokumentation menschlicher Verzückung und Freude.

Ingeborg Morath Miller erlag 2002 im Alter von 78 Jahren dem Krebs. Ihr zu Ehren riefen die Mitglieder von Magnum Photos im selben Jahr den Inge Morath Award ins Leben. Der Preis wird von der Inge Morath Stiftung und der Magnum-Stiftung New York verwaltet.

Die Inge Morath Stiftung wurde 2003 von Moraths Familie gegründet, um ihren Nachlass zu verwahren und ihr Erbe zugänglich zu machen.
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Auszeichnungen
1992 Great Austrian State Prize for Photography

1984 Doctor Honoris Causa Fine Arts, University of Connecticut, Hartford, USA

1983 State of Michigan Senate Resolution NO 295; Tribute to Inge Morath in recognition of her outstanding
accomplishment as a photographer and chronicler of human life

Ausstellungen (Auswahl)
2012 'View York - Nine Perceptions', KSH, Freiburg
2011 'View York - Nine Perceptions', DAI Tübingen
2011 'View York - Nine Perceptions', Galerie °Clair, Munich
2010 First Colors, Magnum Gallery, Paris, °CLAIR Gallery, Munich
2008 Well Disposed and Trying to See: Inge Morath and Arthur Miller in China, University of Michigan Art Museum, Ann Arbor, USA.
2005 The Road to Reno - Pingyao International Photography Festival, Pingyao, China 

2004 Chinese Encounters: Photographs by Inge Morath - Pingyao International Photography Festival, China 

2003 Exposition - Henri Cartier-Bresson Foundation, Paris, France. 

2003 Danube - City Gallery of Russe, Russe, Bulgaria.

2002 New York - Galerie Fotohof, Salzburg, Austria; Stadt Passau, Europäische; Wochen, Germany ESWE Forum, Wiesbaden; Esther Woerdehoff, Paris, France; Amerikahaus Tübingen, Germany.
1999 Retrospective Kunsthalle Wien; FNAC Etoile, Paris; FNAC, Barcelona 

1999 Spain in the Fifties - Museo del Cabilde, Montevideo, Uruguay

1998 Danube - Festival of Central European Culture, London, UK; Museen d. Stadt Regensburg, Germany

1998 Retrospective - Edinburgh Festival, Edinburgh, UK; Museum of Photography in Charleroi , Belgium; Municipal Gallery, Pamplona, Spain 

1998 Celebrating 75 Years - Leica Gallery, New York, USA 

1997 Retrospective - Kunsthal, Rotterdam, Netherlands 

1997 The Danube - Keczkemet Museum, Esztergom Museum, Hungary

1997 Photographs 1950s to 1990s - Tokyo Museum of Photography, Tokyo, Japan

1996 Women to Women - Takashimaya Gallery, Tokyo, Japan 

1996 The Danube - Neues Schauspielhaus, Berlin; Leica Gallery, New York; Galeria Fotoforum, Bolzano 

1995 Spain in the fifties - Museo de Arte Contemporaneo, Madrid, Spain; Museo de Navarra,Pamplona, Spain 

1994 Spain in the fifties - Spanish Institute, New York, USA 

1992/94 Retrospective - Neue Galerie Linz, Austria ;America House, Frankfurt, Germany; Hardenberg Gallery, Velbert, Germany; Galerie Fotogramma, Milano, Italy; Royal Photographic Society, Bath, UK; Smith Gallery and Museum, Stirling, UK;
America House, Berlin, Germany; Hradcin Gallery, Prague, Czech Republic

1991 Portraits - Kolbe Museum Berlin, Germany; Rupertinum Museum Salzburg, Austria

1989 Portraits - Burden Gallery, Aperture Foundation, New York, New York, USA

1989 Portraits - Norwich Cathedral, Norwich, UK

1989 Portraits - American Cultural Center, Brussels, Belgium

1988 Retrospective Union of Photojournalists, Moscow, Russia; Sala del Canal Museum, Madrid, Spain; Rupertinum Museum, Salzburg, Austria

Publikationen (Auswahl)
2011 'View York - Nine Perceptions', Kerber Verlag, Bielefeld
2009 First Color, Steidl, Germany
2009 Iran, Steidl, Germany
2006 The road to Reno, Steidl, Germany

2002 New York, Otto Müller/Verlag, Austria

2000 Saul Steinberg Masquerade, Viking Studio, USA

1999 Inge Morath: Life as a Photographer, Kehayoff Books, Germany

1999 Arthur Miller: Photographed by Inge Morath, FNAC, Spain

1999 Inge Morath: Portraits, Verlag, Austria

1996 Woman to Woman, Magnum Photos, Japan

1995 Donau, Verlag, Austria

1994 Inge Morath: Spain in the Fifties, Arte con Texto, Spain

1992 Inge Morath: Photographs 1952 to 1992, Otto Müller/Verlag, Autria

1991 Russian Journal, Aperture Foundation, USA

1986 Portraits, Aperture, USA

1984 Salesman in Beijing, Viking Press, USA 

1981 Bilder aus Wien: Der Liebe Augustin, Reich Verlag, Switzerland

1980 From Persia to Iran: A Historical Journey, Viking Press, USA

1979 Chinese Encounters, Straus & Giroux, USA

1979 Inge Morath: Photographs of China, Grand Rapids Art Museum, USA

1977 In the Country, Viking Press, USA

1975 Grosse Photographen unserer Zeit: Inge Morath, C.J. Bucher Verlag, Switzerland

1973 East West Exercises, Simon Walker & Co., USA

1969 In Russia, Viking Press, USA
1967 Le Masque (Drawings by Saul Steinberg), Maeght Editeur, France

1960 Bring Forth the Children: A Journey to the Forgotten People of Europe and the Middle East, McGraw-Hill
1958 De la Perse à l'Iran, Robert Delpire, France

1956 Venice Observed, Reynal & Co., USA

1956 Fiesta in Pamplona, Universe Books, USA

1955 Guerre à la Tristesse, Robert Delpire, France