Chris Engmans Bilder sind nie ganz das, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Sie greifen Anleihen aus der Bildsprache der Landschaftsfotografie und erzeugen im Betrachter damit ein Gefühl der Vertrautheit. Ein zweiter Blick jedoch verrät, dass es sich hier nicht mit allem so verhält, wie es müsste. Einbauten für die Kamera greifen in die unberührte Landschaft ein. Aufnahmen entstehen, die sowohl die Teilung in Natürlich und Künstlich infrage stellen, als auch den schieren Akt des Fotografierens feinsinnig kommentieren.
Ausgehend von Seattle, benutzt Engman die ausgedehnten, größtenteils unbewohnten Landschaften des US-Bundesstaates Washington gleichermaßen als Kulisse und Fokus seiner Bilder. Mag sein Medium auch die Fotografie sein, unterscheidet sich seine Herangehensweise doch erheblich von der der „traditionellen“ Landschaftsfotografen, bei der mit meist durch Betätigung der Kamera auf die Reize der Natur reagiert wird. Am Anfang von Engmans Bildern steht die Idee. „Ich schreibe, reflektiere, und Schritt für Schritt manifestieren sich die Kriterien für ein geeignetes Terrain.“ Er sucht nicht die Schönheit der Natur zu sublimieren, noch ihre Transformation zu dokumentieren oder zu kommentieren. Engman benutzt die Landschaft vielmehr als seine Werkzeugkiste, als ein Rohmaterial, das er gemäß seiner Vorstellung gestaltet.
Man könnte diesen Ansatz als anti-fotografisch abtun. Anstatt seine Kamera dazu zu gebrauchen, die Realität abzubilden, manipuliert er seine Umgebung solange, bis er sein spezielles Bild erhält. Somit liegt Engmans Ansatz näher an dem der Land Art als an dem der zeitgenössischen Landschaftsfotografie. Sich selbst bezeichnet Engman als „Bildhauer oder Installationskünstler, der die Fotografie als Werkzeug gebraucht“. [......]
Wo heutzutage die meisten Manipulationen in der Fotografie getarnt oder versteckt werden, setzt Engman den Hebel an. Um uns daran zu erinnern, dass der Fotografie selbst – ja vielleicht sogar dem Sehen an sich – ein Prozess visueller Manipulation allzeit innewohnt. Er bedient sich der Grundlagen des Mediums (Perspektive, Rahmung, Licht und Schatten) nicht, um eine Wertung des Verhältnisses zwischen der Echtheit der analogen Fotografie und der vermeintlichen digitalen Fälschung abzugeben, sondern um zu betonen, dass die Fotografie niemals objektiv und wahrheitsgetreu sein wird und kann.

Marc Feustel, Autor und Kurator für Fotografie, Studio Equis


Biographie
Chris Engman, geboren (1978) und aufgewachsen in Bellingham, einem Städtchen an der US-amerikanischen Pazifikküste, war zuvor 2 Jahre an der Western Washington University eingeschrieben, als er sich zu einer einjährigen Autotour quer durch die USA entschloss. Nachdem er auch je eine Saison als Fischer in Alaska und als Fotograf für ein New Yorker Skiressort gearbeitet hatte, schloss er 2003 die University of Washington in Seattle mit dem Titel des Bachelor of Fine Arts ab. Anschließend war Engman bis 2010 Mitglied der schon lange bestehenden, etablierten und von Künstlern selbstverwalteten SOIL Gallery. Dort bekam Engman 2004 seine erste Zweierausstellung. 2005 stellte SOIL auf der Miami Aqua Art Fair aus, und Engmans Werke wurden zum erstmalig einem internationalen Publikum zugänglich. 2006 folgte seine Einzelausstellungspremiere in der Greg Kucera Gallery in Seattle. Ebenfalls 2006 kuratierte Engman außerdem Façade, einer Gruppenausstellung von hauptsächlich aus Seattle stammenden Fotografen. 2007 reiste er nach sowohl Mexiko als auch Mittelamerika, wobei seine dort gesammelten Eindrücke über die Völker der Azteken und Maya ihn bis heute beeinflussen, wie man es etwa an Object, Shadow, Three Moments und Dust to Dust ablesen kann. Letzteres ist auch der Titel seiner zweiten Soloausstellung, erneut gezeigt in der Greg Kucera Gallery. Sein erstes Engagement in Europa war das Festival International de Mode et de Photographie 2009 in Hyères. 2011 stellte er über das FOAM Magazine in Arles aus. Zurzeit belegt Engman nach seinem Umzug nach Los Angeles an der University of Southern California einen Master-Studiengang.

Engman wird in Europa durch Galerie °CLAIR und in Los Angeles durch Luis de Jesus Gallery vertreten.

Statement
Eines Tages werden sowohl du als auch ich aufhören zu existieren, sämtliche Aufzeichnungen unseres Schaffens werden verloren gegangen sein, es wird in Frage stehen, ob wir überhaupt gelebt haben. Mit diesem Verschwinden verhält es sich wie mit einem freien Fall, bei dem man nicht fällt, tatsächlich ein Schwebezustand; man kommt aus dem Nirgendwo und löst sich in Staub auf. Der Mensch verweilt nur einen Augenblick, auf mehr kann er, können wir nicht hoffen. Das zentrale Motiv meiner Arbeit ist das Menschliche, ich untersuche das grundlegendste Thema von allen: die unerklärliche Tatsache unserer Existenz, die unergründbare Empfindung von Zeit, und die trügerische wie unberechenbare Natur der Realität. Sie führt uns unsere verzerrte Wahrnehmung vor Augen, den Graben zwischen dem, wie wir wahrnehmen und dem, wie wir denken, wahrzunehmen; wie wir denken und wie wir denken, dass wir denken; schließlich die inkonsistente und gestaltete Natur des Gedächtnisses. Meine Fotografien dokumentieren Skulpturen und Installationen, jedoch sind sie auch Zeugnisse für Handlungen und komplizierte Prozesse. So verwendet man viele Tage darauf, manchmal in Begleitung einer Crew, öfter aber noch einsam, still im Auto zu fahren, Ausrüstung zu tragen, Konstruktionen oder Sets aufzubauen, und die langsam wandernde Sonne zu beobachten mit ihren ach so mächtigen, positiven und negativen Wirkungen. Durch diese Ausrichtung auf den minutiös beobachteten jeweiligen Sonnenstand sehe ich meine Fotografien als Verehrung von und Teilhabe an einer tiefgehenden und beruhigenden kosmischen Ordnung, die viel bedeutender ist als ich selbst.
Chris Engman

Preise
GAP Grant, 2004, 2007, 2010
4 Culture Project Grant, 2009 Seattle City Artist Award, 2009
Artist Trust Fellowship, 2004
Nordstrom Art Scholarship, 2003
Parnassus Award, 2002

Sammlungen
Seattle Art Museum, Seattle The Henry Art Gallery, Seattle Houston Fine Arts Museum, Houston Microsoft Collection, Seattle Covington Library, Seattle Sir Elton John Collection, London